1960 – das Jahr, in dem John F. Kennedy amerikanischer Präsident wird - und u.a. Joachim Löw das Licht der Welt erblickt. Außerdem ist es das Jahr der afrikanischen Unabhängigkeit. 50 Jahre, nachdem die europäisch dominierte Kolonialherrschaft in 17 Staaten Afrikas zu Ende ging, herrscht vielerorts noch immer nicht das Volk, sondern das Chaos. Es ist der Sommer 1960, mitten in der Regenzeit. Bis vor kurzem befand sich fast der gesamte Kontinent Afrika noch unter der Herrschaft ferner europäischer Länder. Spanien, Italien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Belgien und Portugal - einige dieser “Mutterländer” können sich noch anno 1960 Kolonialherren nennen. Vor allem Frankreich trägt dazu bei, dass dieses Jahr als „Jahr der afrikanischen Unabhängigkeit“ in die Geschichte eingeht. Insgesamt 17 afrikanische Staaten sind ab jetzt, nachdem die vermeintlich überlegene “Herrenmenschen” die Bodenschätze geplündert und die indigenen Gesellschaften völlig zerstört hatten, “unabhängig” – allein zwölf davon waren bis dahin französische Kolonien. Neun von 16 wenig entwickelt Neun der mittlerweile 16 ehemaligen Kolonialstaaten werden im Human Development Report 2009 der Vereinten Nationen (UN) als wenig entwickelt bewertet. (Somalia war damals noch in Britisch-Somaliland und Italienisch-Somaliland geteilt - und ist es heute noch: inoffiziell und unter anderem Namen allerdings.) Berechnet wird der Entwicklungsstand anhand von Faktoren wie Lebenserwartung, Grad der Alphabetisierung und BIP. Von insgesamt 182 angeführten Ländern ist Niger das am wenigsten entwickelte. Nigers „Unabhängigkeit“ Niger belegt den traurigen letzten Platz in einem Ranking, dessen hintere Plätze allesamt von afrikanischen Staaten belegt werden. Das Land im Norden Afrikas war 65 Jahre lang als französische Kolonie Teil von Französisch-Westafrika. Und trotz Unabhängigkeit ist Frankreich in den ersten Jahren nach Ende der Kolonialherrschaft als “informal empire” weiterhin präsent. Hamani Diori heißt der erste nigrische Ministerpräsident. Er ist der Sohn eines ehemaligen Amtsarztes der französischen Kolonialregierung, 44 Jahre alt und frankophil. Noch 1958 sprach sich Diori bei einem Referendum gegen die Unabhängigkeit Nigers aus. Er gehörte nämlich zur kleinen Schicht derjenigen Einheimischen, die sich die Kolonialmacht Frankreich durch den Verleih von Privilegien gefügig gemacht hatte: Diori und die Seinen hatten nämlich etwas zu verlieren! Putsch und Chaos anno 2010 50 Jahre später herrscht Chaos. Erst im Februar 2010 putschte das nigrische Militär, bereits seit August 2009 waren Konflikte zwischen Ministerpräsident Tandja Mamadou und der Opposition an der politischen Tagesordnung. Mit der Machtergreifung reagierte die Militärjunta auf Mamadous hartnäckiges Bestreben, seine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Kein halbes Jahr war es her, dass Mamadou die Verfassung von 1999 außer Kraft gesetzt hatte, laut derer ein Ministerpräsident maximal zweimal hintereinander dieses Amt ausüben konnte. Am 18. Februar löste der „Oberste Rat zur Wiederherstellung der Demokratie“ (CSRD) das Parlament auf und stellte an seine Stelle einen Nationalen Konsultativrat, bestehend aus 131 Vertretern aller Bevölkerungsschichten. Er steht der Regierung beratend bei. Der Putsch wurde international verurteilt, wie bereits Ministerpräsident Mamadous Verfassungsänderung im Alleingang. Am 1. März 2011 soll ein neu gewählter Präsident die politische Übergangszeit beenden. Kommunalwahlen sind für dieses Monat geplant, ein Verfassungsreferendum soll im Oktober stattfinden. (Land)Wirtschaftliche Katastrophe Zwar steigt die Entwicklungskurve des Landes seit der Jahrtausendwende kontinuierlich an, aber das schlechte Wetter verschont auch Niger nicht. In dem Land, das von der Landwirtschaft lebt und zu zwei Dritteln aus Wüste besteht, regnet es nur mehr selten: Niger droht komplett zu verwüsten. Dem Fluss Niger, Hauptschlagader von Leben und Wirtschaft des Landes – nur in seiner Nähe befindet sich fruchtbarer Boden – fehlt das Blut. Eine Katastrophe für Mensch, Tier und Wirtschaft. Es ist der 3. August 2010, Regenzeit. Niger feiert das 50. Jubiläum seiner Unabhängigkeit. Einzige Amtssprache ist weiterhin Französisch, obwohl Haussa ebenfalls weit verbreitet ist. Sprechen ist für viele Nigeraner übrigens die einzige Möglichkeit, sich mitzuteilen – weniger als ein Drittel der Bevölkerung kann lesen und schreiben. [MM] Quellen: http://www.african-edition.de/ http://www.european-circle.de/